Ich weiß, wo mein Container ist: Globale Echtzeitverfolgung hält Einzug in die Schifffahrt
„Ihre Bestellung trifft heute zwischen 14 und 18 Uhr ein. Klicken Sie hier für die Live-Paketverfolgung.“ Über die gestern im Internet bestellte Ware halten Händler ihre Kunden minutiös auf dem neuesten Stand: wann die Ware das Lager verlassen hat, wann sie dem Paketzusteller übergeben wurde und wo sich der Zustellwagen gerade befindet. Was im Paketversand längst üblich ist, ist im Frachtversand per Schiffscontainer ein Novum.
Hapag-Lloyd mit Sitz in Hamburg zählt zu den weltweit führenden Linienreedereien im Containerverkehr und ist an der Frankfurter Wertpapierbörse notiert. Das Unternehmen betreibt über 300 Containerschiffe mit einer Stellplatzkapazität von rund zwei Millionen TEU – wobei TEU („Twenty-foot Equivalent Unit“) die international gebräuchliche Standardmaßeinheit für Containerkapazität ist und einem 20-Fuß-Container entspricht.
Im letzten Jahr transportierte Hapag-Lloyd 12,5 Millionen TEU und erwirtschaftet dabei Umsätze im zweistelligen Milliardenbereich.
Digitalisierung als strategischer Wettbewerbsvorteil
In einem Markt, der rund 90 Prozent des weltweiten Warenhandels über den Seeweg abwickelt und stark von geopolitischen Spannungen, Lieferkettenstörungen und steigenden Nachhaltigkeits-Anforderungen geprägt ist, setzt Hapag-Lloyd verstärkt auf Digitalisierung, datenbasierte Services und Effizienzsteigerungen.
Der Ausbau der Smart-Container-Flotte ist dabei Teil einer Strategie, mit der sich das Unternehmen technologisch differenzieren und zugleich resilienter gegenüber globalen Störungen aufstellen will.
Angefangen hatte alles mit Kühlcontainern, die man mit Sensoren zur Überwachung der Kühlketten ausstattete. Doch da ging noch mehr.
In den letzten Jahren rüstete man zusätzlich die rund zwei Millionen so genannten Dry Container mit modernen Tracking-Sensoren aus. Ein Dry Container beschreibt den standardisierten, vollständig geschlossenen Seecontainer ohne Kühl- oder Spezialtechnik, der für den Transport trockener Stückgüter wie Palettenware, Kartons oder Maschinen im globalen Containerverkehr eingesetzt wird.
Die eigentliche Lücke: Das Hinterland
„Bei der Standorterfassung unserer Container geht es uns gar nicht um die aktuelle Position auf den Ozeanen. Das wissen wir ohnehin durch unsere Schiffsdaten“, sagt Karsten Schmidt, Director & Product Owner Live Position bei Hapag-Lloyd. „Die großen Lücken ergeben sich immer dann, wenn Container zum oder vom Kunden auf dem Land unterwegs sind.“
Über verschiedene satellitengestützte Ortungssysteme wie GPS, Galileo oder Glonass bestimmen die Tracker kontinuierlich ihre aktuelle Position. Die Daten werden anschließend über Mobilfunkstandards wie LTE mit globalem Roaming – bei Bedarf ergänzt durch Satellitenkommunikation – an die Cloud-Systeme des Schifffahrtsunternehmens übertragen.
Zum Einsatz kommen dabei unter anderem Tracking-Devices der IoT-Spezialisten Orbcomm und Nexxiot, die zusätzlich Sensoren für Temperatur- und Bewegungsdaten integrieren und auf energieeffiziente, teils solar-unterstützte Stromversorgung setzen. Der Container entwickelt sich damit vom passiven Transportbehälter zum aktiven Datenknoten in einem globalen Logistiknetzwerk.
„Bei der Standorterfassung unserer Container geht es uns gar nicht um die aktuelle Position auf den Ozeanen. Die großen Lücken ergeben sich immer dann, wenn Container zum oder vom Kunden auf dem Land unterwegs sind.“
Hapag-Lloyd Live Position: Erstes ETA-System der Schifffahrtsbranche
„Live Position“ nennt Hapag-Lloyd sein System und stellt die Standortdaten seinen Kunden entweder über eine eigene Webseite oder aber als API zur Integration in eigene Systeme bereit.
Auch andere große Reedereien sowie spezialisierte Visibility-Plattformen bieten inzwischen Lösungen zur Containerverfolgung an. Häufig basieren diese jedoch auf aggregierten Statusmeldungen aus Hafen- und Schiffssystemen oder auf selektiv ausgerüsteten Containern, etwa im Kühlsegment.
Mit der nahezu flächendeckenden IoT-Ausstattung seiner Standardcontainer verfolgt Hapag-Lloyd einen vergleichsweise umfassenden Ansatz, der Tracking nicht nur als Zusatzservice, sondern als integralen Bestandteil der operativen Infrastruktur versteht.

Über die Live Position Plattform können Kunden ihre Container genau verfolgen und die Ankunftszeit ermitteln. Screenshot: Hapag-Lloyd
Mit dem neuen Containertracking weiß das Unternehmen nun ganz genau und zu jeder Zeit, wo sich jeder einzelne Container befindet. In dieser Skalierung gehört das Projekt derzeit zu den ambitioniertesten Digitalisierungsinitiativen im globalen Containerverkehr.
Mittels hinzugefügter Verkehrsdaten lassen sich so für Kunden sogar ziemlich genaue Ankunftszeiten, sogenannte „ETA“ (Estimated Time of Arrival), vorhersagen. „Mit unserem neuen System können wir die Ankunftszeiten nun 77 Prozent genauer vorhersagen, als es früher möglich war“, ergänzt Schmidt.
Diese sogenannte Live-ETA-Funktion gilt als erstes dynamisches System der Schifffahrtsbranche zur Berechnung der voraussichtlichen Ankunftszeit, die sich basierend auf tatsächlichen Bewegungs- und Positionsdaten in Echtzeit anpasst.
„Die Container können wir für unsere Kunden über verschiedene Daten sichtbar machen. Auch über die Purchase Order der geladenen Waren“, so Schmidt weiter.
Zusätzlich ermöglichen die smarten Container eine effizientere Planung von Transport- und Rückführungsprozessen. Leerfahrten zählen in der Logistik zu den größten Kosten- und Effizienztreibern. Ist ein Container beim Kunden entladen, kann er dank des Echtzeit-Trackings gezielt und standortnah einem Folgeauftrag zugewiesen werden. Das reduziert unnötige Transportwege, senkt Kosten und trägt zugleich zur Verringerung von Emissionen bei.
„Mit unserem neuen System können wir die Ankunftszeiten nun 77 Prozent genauer vorhersagen“
Integration in die Systeme der Branche
Ein erster Partner ist WiseTech Global, ein australischer Softwarekonzern mit Sitz in Sydney, der mit seiner cloudbasierten Plattform CargoWise weltweit Spediteure, Logistikdienstleister und Zollagenten bei der digitalen Abwicklung von Transport-, Zoll- und Supply-Chain-Prozessen unterstützt.
„Diese Partnerschaft stellt einen wichtigen Schritt hin zu einer transparenteren, widerstandsfähigeren und digital gestützten globalen Lieferkette dar“, sagt Schmidt und nennt im Gespräch gegenüber WeSpeakIoT weitere geplante Kooperationen. So arbeite man aktuell daran, die Containerdaten künftig auch über Systeme wie SAP bereitzustellen.
Aktuell profitieren vor allem Direktkunden oder die Spediteure selbst von den Live-Tracking-Daten des smarten Containersystems. „Spediteure nutzen das Live Tracking vor allem intern für ihre eigenen Geschäftsabläufe. Sie zögern bislang noch, diese Daten auch ihren Endkunden zugänglich zu machen“, so Schmidt. und ergänzt: „Bei unseren Direktkunden haben wir allerdings sehr gute Erfahrungen gemacht, da wir die Lieferkette nun viel transparenter darstellen können.“
Hier wird also noch etwas Überzeugungsarbeit nötig sein, auch die vielen Spediteure zu überzeugen, Live Position von Hapag-Lloyd ihren Endkunden zur Verfügung zu stellen.
Mit Live Position wird der Container vom passiven Transportbehälter zum digitalen Datenlieferanten. Für Reedereien eröffnet das neue Geschäftsmodelle, für Spediteure mehr Transparenz – und für Verlader eine bislang ungewohnte Planbarkeit im globalen Warenverkehr.
Noch ist das Live-Tracking im Containerverkehr keine Selbstverständlichkeit. Die technische Infrastruktur steht, doch die breite Nutzung entlang der gesamten Lieferkette entwickelt sich erst. Entscheidend wird sein, wie konsequent Reedereien, Spediteure und Verlader die neuen Daten in ihre Prozesse integrieren – und ob daraus tatsächlich neue Standards entstehen.
Klar ist: Die Transparenz, die Verbraucher im Onlinehandel längst erwarten, erreicht nun auch den globalen Seeverkehr.











