96 Millionen Geräte im Mobilfunk: Was die VATM TK-Marktstudie 2026 über den Deutschen IoT-Markt verrät
Mehr als 96 Millionen SIM-Karten werden bis Ende 2026 nicht von Menschen genutzt, sondern von Maschinen. Die heute veröffentlichte 27. TK-Marktanalyse von VATM und Dialog Consult liefert damit einen der präzisesten Lageberichte zur IoT-Konnektivität in Deutschland – inklusive einer 5G-Infrastrukturlücke, die ausgerechnet dort klafft, wo vernetzte Sensoren am dringendsten gebraucht werden: in der Fläche.
Das Wichtigste in Kürze
- Ende 2026 werden laut VATM-Marktanalyse mehr als 96 Millionen SIM-Karten zur Vernetzung von Maschinen und IT-Systemen eingesetzt – das entspricht 84,3 Prozent aller SIM-Karten nach Nutzungsart und einem Wachstum von 12,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
- Das gesamte Wachstum im deutschen Mobilfunkmarkt kommt inzwischen aus dem M2M-Segment; der Privatkundenmarkt stagniert, während Automotive, Logistik, Landwirtschaft und Industrie immer mehr Konnektivität nachfragen.
- Die 5G-Haushaltsabdeckung liegt bei 99,8 Prozent, die Flächenabdeckung aber erst bei 96,5 Prozent – genau diese Lücke trifft IoT-Anwendungen in Feldern, Wäldern und Wasserleitungen, für die eine Verpflichtung auf 99,5 Prozent bis 2030 besteht.
M2M-Segment treibt den Mobilfunkmarkt
Wer die jährliche TK-Marktanalyse von VATM und Dialog Consult bislang als Telekommunikationsbericht für Telekommunikationsleute abgetan hat, sollte in diesem Jahr noch einmal hinschauen. Eine einzige Kennzahl reicht, um den Blickwinkel zu verschieben: 96,4 Millionen SIM-Karten werden Ende 2026 zur Maschine-zu-Maschine-Kommunikation, kurz M2M, eingesetzt. M2M beschreibt den automatisierten Datenaustausch zwischen Geräten, Sensoren und IT-Systemen ohne menschliches Zutun. Zum Vergleich: Die persönlich genutzten SIM-Karten, also alles, was in Smartphones und Tablets steckt, kommen auf 113,6 Millionen Stück.
Der Abstand ist kleiner als viele vermuten würden. Und er schrumpft weiter. Das M2M-Segment wächst 2026 um 12,6 Prozent, während der Privatkundenmarkt faktisch stagniert. Studienautor Andreas Walter, geschäftsführender Gesellschafter von Dialog Consult, brachte es in der Pressekonferenz am 12. Mai auf den Punkt: Das Wachstum im Mobilfunkbereich komme im Wesentlichen durch die M2M-Zahlen zustande. Einsatzbereiche seien der Automotive-Bereich, der Logistikbereich und alle mobilitätsorientierten Branchen, wo Daten ausgetauscht werden müssen.
Für IoT-Entwickler und Produktverantwortliche bedeutet das: Die Mobilfunkinfrastruktur in Deutschland wird zunehmend auf eine Nachfrage ausgerichtet, die sie selbst mitgestalten.
Wo die Maschinen tatsächlich funken
Die VATM-Studie schlüsselt die 96 Millionen M2M-SIMs nicht nach Branchen auf. Was dahintersteckt, lässt sich aber aus anderen Quellen gut einordnen. Vodafone, als einer der größten IoT-Konnektivitätsanbieter in Deutschland, beschreibt in einem Bericht vom Juli 2025 konkrete Einsatzfelder aus eigener Perspektive: Mobile EKG-Geräte, die Messwerte direkt aus dem Rettungswagen an die Notaufnahme senden. Kühlfahrzeuge, die Temperatur und Reifendruck per Sensor an eine Leitzentrale melden. Erntemaschinen mit GPS-Navigation, die Bodenfeuchte und Wetterdaten in Echtzeit verarbeiten. Akustische Sensoren, die Wasserleitungen abhören und Lecks identifizieren, bevor größerer Schaden entsteht.
99,8 Prozent für Haushalte, aber was ist mit dem Feld nebenan?
Hier liegt der für IoT-Verantwortliche relevanteste Widerspruch der Studie: Die 5G-Haushaltsabdeckung in Deutschland erreicht Ende 2026 nach Schätzung der Studie 99,8 Prozent. Eine Zahl, die sich gut kommunizieren lässt, und die in der Tat bemerkenswert ist. Wer in einem Haus wohnt, kommt in Deutschland fast überall ans 5G-Netz.
Maschinen oder Sensoren wohnen aber nicht nur in Häusern.
Die Flächenabdeckung liegt noch bei 96,5 Prozent. Andreas Walter hat in der Pressekonferenz ausdrücklich auf die Konsequenz hingewiesen: „Wir haben heute viele Anwendungen, auch im landwirtschaftlichen Bereich, im forstwirtschaftlichen Bereich, wo in der Fläche Mobilfunk gebraucht wird.“ Die Netzbetreiber haben sich verpflichtet, bis 2030 mindestens 99,5 Prozent der deutschen Fläche mit mindestens 50 Mbit/s zu versorgen. Bis dahin bleibt eine rechnerische Lücke von rund 3,5 Prozentpunkten, die sich auf abgelegene Felder, Waldgebiete und dünn besiedelte Regionen konzentriert – genau dort, wo Precision-Farming-Sensoren, Waldbrand-Frühwarnsysteme oder Wasserpegel-Monitore installiert werden sollen.

Bei der Versorgung ist Deutschland im Plan. 99,8 Prozent aller Haushalte werden bis Ende 2026 5G Empfang halten. Die ländlichen Gebiete hinken mit 96,5 Prozent noch hinterher. Grafik: 27. TK-Marktanalyse 2026 von VATM/Dialog Consult
Für Produktentwickler, die IoT-Lösungen für diese Szenarien bauen, hat das praktische Folgen bei der Technologiewahl. Wo LTE und 5G nicht zuverlässig verfügbar sind, sind alternative Technologien gefragt: LoRaWAN, ein auf sehr große Reichweiten und minimalen Energieverbrauch ausgelegtes Funknetz, das unabhängig vom Mobilfunknetz betrieben wird, ist in solchen Szenarien eine verbreitete Wahl. Auch Satellitenkommunikation kommt hinzu, wo selbst LoRaWAN-Gateways fehlen. Welche Technologie passt, hängt von Reichweite, Datenmenge, Energiebudget und verfügbarer Infrastruktur ab – und muss für jeden Standort individuell bewertet werden.
Die Uhr läuft: 2G-Abschaltung ab 2028
Für alle, die heute noch IoT-Geräte auf 2G-Basis betreiben, bringt die Studie eine indirekte Erinnerung. Die VATM-Daten zeigen 76.700 noch aktive GSM-Basisstationen in Deutschland bis Ende 2026, leicht rückläufig. Der Rückbau ist in vollem Gang. Die Deutsche Telekom hat angekündigt, ihr 2G-Netz zum 30. Juni 2028 vollständig abzuschalten. Vodafone deaktiviert seine 2G-Dienste für Privat- und Geschäftskunden ebenfalls im September 2028; für besonders kritische IoT-Anwendungen bleibt das Netz nach gesondertem Vertragsabschluss bis Ende 2030 geöffnet. Telefónica hat bislang kein konkretes Abschaltdatum genannt.
Besonders betroffen sind laut einer Analyse von INSYS icom Branchen wie Energieversorgung, Wasserwirtschaft, Industrie und Logistik, die über Jahre hinweg zuverlässig mit GSM-Geräten arbeiteten. Wer in diesen Bereichen noch 2G-M2M-Hardware betreibt, hat je nach Netzbetreiber noch zwei bis vier Jahre für die Migration. Bei langen Gerätelebenszyklen, die in der Industrie die Regel sind, ist das weniger Zeit als es klingt.
Die technische Antwort ist gut beschreibbar: NB-IoT und LTE-M sind die direkten Nachfolger für Low-Power-Szenarien mit geringen Datenraten, LTE und 5G für datenintensivere Anwendungen. Die organisatorische Antwort – Bestandsaufnahme, Priorisierung, Beschaffung, Rollout – dauert in der Regel länger als die Technik. Die 5G-Flächenabdeckung ist also nicht nur eine Versorgungspflicht für Verbraucher. Sie ist eine strukturelle Voraussetzung dafür, dass IoT-Deployments außerhalb von Industrieparks und Stadtzentren überhaupt funktionieren.
Dass die VATM-Studie diesen Zusammenhang in ihren Zahlen sichtbar macht, ist vielleicht ihr wichtigster Beitrag für eine Leserschaft, die Maschinen vernetzt statt Telefonate führt.












