Hannover Messe 2026: Das Internet der Dinge ist überall und nirgends
Ich war diese Woche auf der Hannover Messe 2026 – und bin mit einem klaren Eindruck nach Hause gefahren: Diese Messe verändert sich. Nicht laut, nicht dramatisch, aber deutlich spürbar. Hier ist, was ich gesehen habe.
Das Wichtigste in Kürze
- KI und humanoide Roboter dominierten die Hannover Messe 2026 (20.–24. April, Motto: „Think Tech Forward“) – IoT taucht als eigenständiges Schlagwort an den Ständen kaum noch auf.
- Die Messe schrumpft bewusst – kleinere Stände, breitere Gänge, mehr Substanz statt Show – und zieht damit eine klare Lehre aus dem Scheitern der CeBIT.
- Forschungsinstitute wie DFKI und das Forschungszentrum Jülich sind deutlich präsenter geworden, der VDI holt Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland auf das Messegelände – die Messe denkt erkennbar an ihre Zukunft.
Erstmal ankommen – trotz Streik
Fangen wir mit dem an, worüber in Hannover in dieser Woche alle geredet haben: Der ÖPNV-Streik. Die Gewerkschaft ver.di hatte ausgerechnet für Montag und Dienstag, den 20. und 21. April, einen Warnstreik im öffentlichen Nahverkehr ausgerufen. Alle Stadtbahnlinien, zahlreiche Buslinien – komplett ausgefallen. Ausgerechnet zum Auftakt der weltgrößten Industriemesse, zu der zehntausende internationale Gäste anreisen.
Die Deutsche Messe AG hat reagiert, Shuttlebusse organisiert, per Mail informiert. Hat geholfen, aber das Ergebnis war trotzdem eindeutig: Die ersten beiden Tage waren besucherseitig sehr mau. Ab Mittwoch wurde es dann deutlich voller – und das Gefühl einer echten Industriemesse stellte sich wieder ein.
IoT steht nicht mehr auf dem Schild
Das ist mir wirklich aufgefallen, und ich fand es bemerkenswert: IoT – also das Internet of Things, die Vernetzung von Maschinen, Sensoren und Geräten über das Internet – war nicht mehr unbedingt DAS gehypte Thema. Wie selten IoT an den Messeständen noch als Headline stand, das war schon auffallend.
Das bedeutet nicht, dass die Technologie weg ist. Im Gegenteil. Sensoren, Konnektivität, Datenverarbeitung direkt am Gerät – das steckt in allem, was auf der Messe zu sehen war. Aber es braucht keinen eigenen Schriftzug mehr. IoT ist Infrastruktur geworden. Selbstverständlich. Unsichtbar. Und genau das ist eigentlich ein Zeichen von Reife – auch wenn es für eine Publikation wie WeSpeakIoT eine interessante Beobachtung ist.
KI? Wer sich bei allen informieren wollte, ist im Herbst noch dabei
Das beherrschende Thema war eindeutig Künstliche Intelligenz. Überall. Bei wirklich jedem zweiten Stand. Wer sich bei allen Ausstellern, die das als Thema hatten, hätte informieren wollen, wäre im Herbst noch dabei.
Aber – und das ist der entscheidende Punkt – es war eine andere KI als in den Vorjahren. Messechef Jochen Köckler eröffnete mit einem einzigen Mantra: „Application, application, application.“ KI redet nicht mehr über sich selbst. Sie arbeitet. Siemens zeigte in Halle 27 eine Schuhproduktionslinie, auf der ein humanoider Roboter und ein autonomer Packroboter eigenständig ihren Job erledigten – kein Demonstrator, sondern ein laufendes System. SEW-Eurodrive hatte einen sogenannten „Startup-Agent“, mit dem man Maschinen per normalem Dialog konfigurieren kann, ganz ohne klassische KI-Sprachmodelle – eine bewusst europäische, souveräne Lösung.
Das Selfie mit dem Roboter
Das Fotomotiv schlechthin auf dieser Messe? Selfie mit einem humanoiden Roboter. Und dafür gab es wirklich viele Gelegenheiten. Rund 15 Unternehmen präsentierten produktionsreife humanoide Systeme – Roboter in Menschenform, entwickelt für industrielle Aufgaben. Agile Robots etwa feierte in Halle 27 mit seinem Modell „Agile One“ Premiere, 174 Zentimeter groß, auf einem eigens entworfenen Catwalk. Wenn gerade kein humanoider Roboter in Reichweite war, dann ein „Roboterhund“ – ein vierbeiniges autonomes System für Inspektionsaufgaben.
Was mich dabei interessiert hat: Klassische Produktionsroboter, also die stationären Industrieroboter für Schweißen, Montage, Lackierung – die wirkten fast unterrepräsentiert. Die Aufmerksamkeit galt dem Beweglichen, dem Neuen, dem Menschenähnlichen.
Weniger Show, mehr Substanz
Ich hatte das Gefühl: Diese Messe ist erwachsener geworden. Weniger Show als früher. Erinnert sich noch jemand an Roboter, die zum Takt der Musik den Arm bewegen, mit einem Audi A3 dran? Das war Spektakel. Was ich diesmal gesehen habe, war anders: sachlicher, fokussierter, mit mehr Tiefe.
Ein Beispiel, das mir besonders aufgefallen ist: der Stand von Zeiss. Leises statt lautes Marketing. Klare Aussagen. Ausstellungsstücke, die wirklich beeindruckend waren – aber ohne Brimborium. Das hat mich mehr überzeugt als mancher aufwendigere Auftritt.
Und die Stände sind kleiner geworden. Auch die großen Anbieter. Dafür die Gänge breiter. Man kann wieder atmen.
Forschung ist auf dem Vormarsch
Das ist mir wirklich aufgefallen: Die deutschen Forschungsinstitute sind zahlenmäßig größer und präsenter geworden. Früher war es auf dem Gelände in Sachen öffentlich finanzierte Forschung quasi nur Fraunhofer. Jetzt ist da deutlich mehr. Das Forschungszentrum Jülich zeigte in Halle 11 Projekte zu KI, Hochleistungsrechnen und nachhaltigen Energiesystemen. Das DFKI (Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz) hatte zwölf Exponate, darunter Roboter, die ihre Intelligenz nicht im eigenen Gehäuse tragen, sondern über 6G – einen noch im Aufbau befindlichen Mobilfunkstandard der nächsten Generation – mit der Umgebungsinfrastruktur vernetzt sind. Das ist kein Showroom-Konzept. Das ist Technologietransfer.
Die Gespräche waren gut – trotz allem
Vielleicht ist das anekdotische Evidenz, aber ich fand es bemerkenswert: Ich habe auf dieser Messe mit vielen Ausstellern gesprochen. Ein einziger hat eine befriedigende Note gegeben. Alle anderen – und das bereits am Montag und Dienstag, bei schwachen Besucherzahlen und Streik-Chaos – haben von sehr guten Gesprächen berichtet. Waren bereits zu diesem frühen Zeitpunkt zufrieden mit dem Messeergebnis.
Das sagt mir: Die Hannover Messe ist kleiner geworden, aber die, die kommen, kommen mit echten Fragen. Die Qualität der Kontakte steigt, auch wenn die Quantität der Besucher sinkt. Das ist kein schlechtes Zeichen.
Eine Messe, die ihre Lektion aus der CeBIT gelernt hat
Ich habe diese Woche oft an die CeBIT gedacht. Die war mal die größte IT-Messe der Welt – und ist 2018 still und leise eingestellt worden. Zu groß, zu beliebig, zu wenig Substanz. Die Hannover Messe scheint genau das vor Augen zu haben. Sie wird kleiner, aber sie wird nicht beliebiger. Sie konzentriert sich, schärft ihr Profil, investiert in Qualität statt Fläche. Das ist kein Schrumpfen aus Schwäche. Das ist eine bewusste Entscheidung.
Zur Formatänderung habe ich auf der Messe Interessantes aufgeschnappt: Die Veranstalter sollen über eine Verkürzung auf vier Tage nachdenken – Montag bis Donnerstag – und das Programm dabei mit mehr geführten Touren und gezielteren Formaten verdichten wollen. Offiziell bestätigt ist das noch nicht, aber der Gedanke passt ins Bild: weniger Masse, mehr Fokus.
Jugend auf dem Messegelände – endlich ernst gemeint
Ein Punkt, der mich wirklich gefreut hat: Die Messe macht mehr Anstrengungen, junge Menschen ins Boot zu holen. Der VDI – der Verein Deutscher Ingenieure – hat Schülerinnen und Schüler eingeladen, und zwar nicht nur aus Hannover und Umgebung. Das ist ein Unterschied zu dem, was ich in früheren Jahren gesehen habe. Es geht offensichtlich darum, die nächste Generation früh mit dieser Welt in Kontakt zu bringen – mit echten Maschinen, echten Forschern, echten Produkten. Kein Schülerausflug ins Museum, sondern ein Tag mitten im Weltgeschehen der Industrie. Das halte ich für richtig und wichtig.
Was ich mit nach Hause nehme
Meine Kunden fragen mich immer: Was bewegt die Industrie gerade wirklich? Nach dieser Woche in Hannover ist meine Antwort klar: KI, die nicht mehr redet, sondern handelt. Roboter, die aussehen wie Menschen und irgendwann neben ihnen arbeiten werden. Und eine Infrastrukturschicht aus Sensorik und Vernetzung, die so selbstverständlich geworden ist, dass sie keinen Namen mehr braucht.
Wer IoT immer noch als Zukunftsthema vermarktet, hat in Hannover 2026 gemerkt: Die Zukunft ist schon da. Sie heißt nur anders.













